unterwegs - Mobilität in Korntal und Münchingen

unterwegs Plakat

"Michel Heller hat für 19 Fackeln ausgelegt 47 Gulden und solche Auslage wieder erhalten. Die Fackeln sind auf das Rathaus und ins Schultheißen-haus kommen, nächtlicher Zeit für Soldaten und Reisende zu brauchen". Ausgaben dieser Art verzeichnen die Gemeinderatsprotokolle des 18. Jahrhunderts. Anlässlich des Münchingen passierenden "Serenissimus" Herzog Karl Eugen erleuchteten dem Kutscher im Jahre 1757 162 Fackeln den Weg.

Selbstverständlich wird heute kein Wächter mehr die Straßen beleuchten wenn Durchreisende bei Nacht unterwegs sind. Und anstelle des Pferdegetrampels hört man heute die Auto- und Mopedmotoren dröhnen.

Unterwegs sein bedeutete Jahrhunderte lang zu Fuß sein oder mit dem Pferdefuhrwerk fahren, bis im 19. Jahrhundert die neuen Transportmittel die beschwerlichen und langen Wege vergessen ließen. Wenn auch die Entwicklungen des Fahrrades, der Eisenbahn und des Autos nicht zeitgleich erfolgten, so traten diese modernen Transportmittel in Korntal und Münchingen doch in etwa zur gleichen Zeit, Anfang des vorigen Jahrhunderts, auf.

Unterwegs mit dem Automobil

1885 gelang es gleichzeitig Karl Benz wie Gottlieb Daimler und seinem Mitarbeiter Wilhelm Maybach, aus dem schweren, feststehenden, ein Jahrzehnt zuvor erfundenen Viertaktmotor des Nikolaus August Otto einen leichten und kompakt gebauten Verbrennungsmotor für flüssigen Kraftstoff zu entwickeln. Am 3. Juli 1886 führte Karl Benz seinen neuen Kraftwagen (Höchstgeschwindigkeit 15 k/h) in Mannheim der Öffentlichkeit vor, im Herbst desselben Jahres erregte die von Daimler/Maybach konstruierte "Motorkutsche" in den Straßen von Cannstatt Aufsehen.

Etwa zur gleichen Zeit, ab 1894, wurden in der Münchener Motorradfabrik Hildebrand & Wolfmüller die ersten Motorräder der Welt produziert. Da für die Mehrheit der Bevölkerung das Automobil noch ein Wunschtraum war, verblieb das Motorrad als Alternative und es wurde in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zum Volksverkehrsmittel.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts fand das Automobil in Deutschland zunehmend Anhänger in der Oberschicht und dem gehobenen Bürgertum, die sich dieses leistungsstarke und zudem repräsentative Verkehrsmittel leisten konnten. Die Einführung der Fließbandfertigung, die 1913 in Amerika erfolgte, ließ beim "Volksauto" Ford "Modell T" innerhalb eines Jahres eine Produktionssteigerung von 152 Prozent auf 308 162 Stück erkennen. Die amerikanische Autoindustrie wurde vorbildlich auch für deutsche Automobilfirmen.

Altes Auto

Aus dem Auto für wenige, den teuren, weitgehend aufwendig in Handarbeit hergestellten Luxuskarossen, sollte ein Auto für jedermann werden, das preiswert, gefahrlos und einfach zu handhaben und die Bevölkerung durch individuelle Beweglichkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln unabhängig machen sollte. Selbst die Verteuerung des Autofahrens durch Steigerung der fiskalischen Belastungen in den zwanziger Jahren vermochte den Erfolg des Autos nicht aufzuhalten. Der "Volkswagen", der von der nationalsozialistischen Reichsregierung in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts angeregte Kraftwagen, wurde serienmäßig hergestellt und war in seiner Anschaffung und im Unterhalt relativ billig. Der Volkswagen war es, der in der "Wirtschaftswunderzeit" der fünfziger Jahre den Aufbruch in ein neues Verkehrszeitalter symbolisierte.

Unterwegs mit dem Fahrrad

Das Fahrrad kann als Wegbereiter der mobilen Gesellschaft angesehen werden. Carl Friedrich Christian Freiherr Drais von Sauerbronn in Mannheim erfand 1813 das einspurige Zweirad, einen Wagen, der ohne Pferde läuft. Man saß zwischen den Rädern und stieß sich mit den Füßen am Boden ab. Diese hölzerne, von ihm selbst so genannte "Laufmaschine" hieß bald "Draisine".

Eine Weiterentwicklung stellte 1864 das von Pierre Michaux gebaute Velociped dar, bei dem der Antrieb durch starr an der Vorderradachse angebrachte Pedale erfolgte. Um höhere Geschwindigkeiten fahren zu können, musste daher das Vorderrad vergrößert werden, was nach 1870 zur Entwicklung des Hochrads führte, auf dem man sich als Herrenreiter des technischen Fortschritts fühlen konnte.

Laufrad

Die Anwendung des Kettenantriebs im Fahrradbau, der durch verschieden große Zahnräder an den Kurbeln und der Radachse eine Übersetzung ermöglicht, führte zum "Känguru", einem gemäßigten Hochrad mit beidseitigem Kettenantrieb am Vorderrad. Doch erst der 1878 eingeführte einseitige Kettenantrieb des Hinterrads konnte sich wirklich durchsetzen - die Konstruktion war einfacher und stabiler, das Rad wegen der Entkoppelung von Antrieb und Lenkung leichter zu fahren und die Sitzposition zwischen Vorder- und Hinterrad gewährleistete ein wesentlich sichereres Fahrverhalten.

1888 erfand der irische Tierarzt John Boyd Dunlop den Luftreifen, der erstmals eine praktikable Dämpfung und zuverlässigere Bodenhaftung ermöglichte. Bis dahin waren Fahrräder mit Eisen- oder seit 1865 mit Vollgummireifen ausgestattet. Den ersten abnehmbaren Luftreifen erfanden die Brüder Michelin 1890 in Frankreich.

Anfang des 20 Jahrhunderts wurde das Fahrrad für die Münchinger Arbeiter, die in den umliegenden Fabriken arbeiteten, zum wichtigsten Fortbewegungsmittel. Im Gegensatz zur Strohgäubahn kostete das Fahrradfahren so gut wie nichts und im Gegensatz zum Fußlaufen, war die Wegstrecke in einer relativ kurzen Zeit zurückgelegt. Das Fahrrad eröffnete das Zeitalter eines massenhaften Individualverkehrs zu einer Zeit, als die Produktion der von Motorkraft betriebenen Automobile gerade einsetzte.

Bis Ende des Ersten Weltkrieges versuchten die Polizeibehörden in Stadt und Land durch Reglements und Fahrverbote dem anarchistisch empfundenen Verkehrsverhalten der Radler beizukommen. Ab 1880 war der Besitz einer Legitimationskarte, die jeder Radler bei sich führen musste, Voraussetzung für das Radfahren. Wenig später musste dann das Fahrrad selber vor und hinten mit einem gut sichtbaren Nummernschild versehen sein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam dem Fahrrad nochmals eine besondere Bedeutung zu als Fortbewegungs- und Transportmittel in einer Zeit des großen Mangels an allem. Doch so wie mit der zunehmender Besserstellung Aller im so genannten "Wirtschaftswunderland" die Begeisterung für das Auto stieg, ließ die Begeisterung für das Fahrradfahren nach.

Heute nähert sich die Bedeutung des Fahrradfahrens der, die sie am Anfang hatte. Mit zunehmender Freizeit und zunehmendem Bewusstsein für die Ökologie und der Freude an der Natur stieg auch die Freude am Fahrradfahren.

Unterwegs mit dem Flugzeug

Als am 2. Juli 1900 das Ganzmetall-Luftschiff des Grafen Zeppelin abhob und 18 Minuten in der Luft blieb um dann wieder planmäßig zu landen, setzte eine wahre Zeppelin-Euphorie ein. Auch die Korntaler und Münchinger wurden davon erfasst. Im Jahr 1911 konnten die Flug begeisterten Korntaler und Münchinger dann auch ein Luftschiff über ihren Gemeinden beobachten.

Vor dem Ersten Weltkrieg wurden die meisten Zeppeline von den Militärs der Regierung gekauft, da man glaubte, dass das Luftschiff ein enormes militärisches Potential habe.

Flugversuch

Das erste flugfähige Flugzeug baute 1810 bis 1811 der berühmte Schneider von Ulm, Albrecht Ludwig Berblinger, dessen erster Flug jedoch wegen ungünstiger Abwind-Verhältnisse misslang.

Es dauerte dann fast ein Jahrhundert, bis das erste Flugzeug gebaut war - eine Leistung der Gebrüder Wright -, mit dem ein erfolgreicher, andauernder, gesteuerter Motorflug möglich und im Dezember 1903 auch durchgeführt wurde.

Im Jahr 1909 überquerte Louis Blériot mit seinem Eindecker als erster mit einem Flugzeug den Ärmelkanal. Sein Flug von Calais nach Dover dauerte 37 Minuten bei einer durchschnittlichen Flughöhe von 100 Metern. 1913 bis 1914 beweist Igor Iwanowitsch Sikorski mit dem von ihm konstruierten Großflugzeug, dass solche großen Flugzeuge sicher und stabil fliegen können.

Während des Ersten Weltkrieges verlor der Traum vom Fliegen seine Unschuld. In der Anfangszeit des Krieges flogen die Flugzeugführer unbewaffnet. Sie führten Aufklärungsflüge über gegnerische Marschkolonnen aus. Dann wurde das Flugzeug als Waffe verbessert, indem Bordmaschinengewehre mit dem Flugzeugantrieb synchronisiert wurde. Damit waren die Grundlagen des Luftkrieges entwickelt, der im Zweiten Weltkrieg mit raffinierten technischen Verbesserungen fortgeführt wurde und mit dm Atombombenabwurf mittels eines B-29-Bomber am 6. August 1945 über Hiroshima seinen traurigen Höhepunkt erreichte.

Die große Herausforderung nach dem Ersten Weltkrieg waren Langstreckenflüge, vor allem die Überquerung des Atlantiks. Charles Lindbergh gelang zwischen dem 20. und 21. Mai 1927 der erste Nonstop-Alleinflug von New York nach Paris über den Atlantik.

1936 wurde der Stuttgarter Flughafen errichtet und der Flugbetrieb 1939 aufgenommen, jedoch von 1939 bis 1948 (zuletzt von der US Army) an nur für militärische Zwecke benutzt. Ab 1948 wurde dann der zivile Flugbetrieb wieder aufgenommen.

Unterwegs mit der Bahn

James Watt entwickelte aus Erfindungen des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts in den Jahren zwischen 1763 und 1784 eine Niederdruck-Dampfmaschine, die Drehbewegungen ermöglichte und so ganz ausschlaggebend für die Erfindung der Eisenbahn war. 1814 vereinigte George Stephenson das Schienensystem, das schon im 17. Jahrhundert in englischen Bergwerken genutzt wurde, mit der Dampfmaschine und baute seine erste Dampflokomotive "Blucher".

Die erste Eisenbahnlinie in Deutschland verband Nürnberg und Fürth. Sie wurde am 7. Dezember 1835 eingeweiht. Da sie stark frequentiert wurde, konnte sie sich als Aktiengesellschaft behaupten. Das Modell fand viele Nachahmer. 1843 wurde die Eisenbahn auch in Württemberg per Gesetz beschlossen und rasch umgesetzt. Die erste württembergische Strecke führte von Cannstatt nach Untertürkheim und wurde 1845 eröffnet.

Bahneröffnung

Der Ausbau des Eisenbahnnetzes wird allgemein als Wegbereiter der wirtschaftlichen Entwicklung gesehen. Die Fertigstellung der Strohgäubahn 1906 fällt mit der Gründung erster Industrieansiedlungen in Münchingen zusammen. Die Strohgäubahn fährt zwischen Korntal - Korntal-Gymnasium - Münchingen-Rührberg - Münchingen - Schwieberdingen - Hemmingen - Heimerdingen und Weissach auf einer Länge von 22,3 km. Mit der Bahnverbindung erschlossen sich für die Bauern zusätzliche Absatzmärkte für ihre Produkte und so stauten sich im Herbst vor dem Eisenbahngelände die Pferde-, später Traktorfuhrwerke mit Zuckerrüben und Kartoffeln, die zuerst gewogen und dann verladen wurden.

Dennoch hatte es in Münchingen anfangs auch Widerstände und Vorbehalte gegeben. Die Bauern sorgten sich um den Verlust ihres guten Ackerlandes und sie befürchteten, dass das landwirtschaftliche Dienstpersonal bei einer entsprechenden Bahnverbindung in die nahe Stadt Stuttgart oder woanders abwandern könnte. Gemeinderat und Bürgerausschuss verhielten sich bei der Planung abwartend - und schürten dadurch Unwillen und Protest bei der Bevölkerung. Eine 1897 abgefasste Petition der Bürgerschaft Münchingens weist 245 eigenhändige Unterschriften auf. Münchingen hatte damals 1630 Einwohner, das heißt jeder sechste (einschl. Kinder), beteiligte sich bei dieser, wohl ersten Bürgerinitiative.

Laut Dienstfahrbahn verkehren derzeit auf der Strecke werktäglich 98 planmäßige Zugfahrten zwischen 4:51 und 22:11 Uhr. Eine Besonderheit bildet der aus drei Wagen bestehende morgendliche Schülerzug, der von Weissach nach Korntal und wieder zurück die Strecke bedient und in Hemmingen und Münchingen kreuzt.

Unterwegs mit Pferden

In Württemberg war die "Metzgerpost" eine Besonderheit in der Geschichte der Nachrichtenübermittlung. Da die Metzger bei ihren Viehkäufen Pferde und Wagen mitführten, konnten sie auch Briefe und andere Güter befördern und so wurde ihnen dieser Dienst zur Pflicht gemacht. Sie wurden beeidigt und hatten jederzeit "Post zu reiten". Dafür wurden sie von allen "bürgerlichen Personaldiensten", anstrengende Arbeiten wie Handfronen, Jagen, Wachen und Schanzen befreit.

1709 wurde in Württemberg unter Herzog Eberhard Ludwig eine eigene Landespost gegründet und ab 1715 mit der vom Reich unterstützten Post "Thurn und Taxis" verbunden. Die Auflösung des Römischen Reiches Deutscher Nation 1806 bedeutete auch das Ende der Post "Thurn und Taxis" und Württemberg bekam wieder eine landesherrliche Post. 1863 erhielt Münchingen seine eigene Postexpedition, die 1876 in eine Postagentur umgewandelt und dem Postamt Zuffenhausen unterstellt wurde.

Pferdekutsche

Das Pferd war das wichtigste Arbeitstier. Mit einem Pferd konnte eine größere Fläche Land als mit einer Kuh bearbeitet werden. Ein Pferdebauer war wohlhabender und galt mehr als ein Kuhbauer, der sich im Winter beim Pferdebauer verdingen musste. Die Münchinger Bauern besaßen, 1830 94 Pferde - ein sichtbares Zeichen für den Reichtum des Ortes, wie auch die vielen Pferdekutschen und Pferdeschlitten.

Erst 1906 wird die "Flur bereinigt", das bedeutet, dass die Äcker zusammengelegt und neue Wege gebaut werden. Davor war den Bauern auferlegt, gleichzeitig die anstehenden Feldarbeiten auszuführen und sie mussten wegen der fehlenden Wege über fremde Äcker fahren, was immer wieder zu Streitigkeiten führte.

Mancher Bauer produzierte über den Eigenbedarf hinaus und verkaufte seine agrarischen Produkte auswärts. Ein Absatzmarkt war das weniger ertragreiche Schwarzwaldgebiet. Wein wurde früher nach Bayern ausgeführt, um 1900 die Milch nach Stuttgart, Feuerbach und Zuffenhausen.

Unterwegs zu Fuß

Sobald Menschen an verschiedenen Orten sesshaft wurden, hatten sie das Bedürfnis, Nachrichten über mehr oder weniger weite Strecken miteinander auszutauschen. Bevor es für die Allgemeinheit im 16. Jahrhundert mit der "Metzgerpost" (siehe "unterwegs mit dem Pferd") eine geregelte Postbeförderung gab, übernahmen Wandergesellen, wandernde Kaufleute, Gaukler, Bettler, Vaganten, Knechte, Mägde und Soldaten diese Botengänge. Für diese Gesellschaftsgruppe war das Unterwegs-sein Normalität

Einer, der von Amts wegen nach draußen geschickt wurde, war der Amtsbote. Sein Dienst führte ihn zum Oberamt nach Markgröningen und später nach Leonberg. Dabei nahm er auch die Briefe der Dorfbewohner mit und ließ sich dies gerne zusätzlich bezahlen.

Bevor etwa vor 100 Jahren die Straßen gepflastert wurden, waren lediglich die Chausseestraßen, also die wichtigsten Straßen durch den Ort, grob geschottert, manche mit feinem Schotter gerieselt, der jedoch leicht ausgeschwemmt werden konnte. Die meisten Straßen, damals noch Gassen genannt, waren so genannte Karrenwege, die lediglich mit Fuhrwerken aus- und festgefahren worden waren. Auch die im 15. Jahrhundert wichtigste Straße des Landes, die die Gemarkung Münchingen als "Fahinger Straße" berührte und von Ulm nach Cannstatt, über die Prag, Zuffenhausen, Schwieberdingen und Vaihingen führte, war als Chausseestraße beschaffen.

Mann zieht Karren

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war auf den Dorfstraßen und Dorfgassen ein reges Kommen, Gehen und Arbeiten. Den Handwerkern wurde die Arbeit gebracht, die sie zum großen Teil auf der Straße erledigten: Pferde wurden beschlagen, Wagen und Räder gefertigt oder repariert, Fässer umbunden. Frauen liefen mit Wäsche zum Waschhaus, mit Teig auf dem Kopf zum Backhaus. Die Nachtwächter, die Gänsehirten, die Feldschütze und Wegeknechte machten ihre einsamen Gänge. Am Milchhäusle und am Kastanienberg traf sich die Jugend und die Schulwege führten die Kinder zusammen. Am Abend hatte dieses Kommen und Gehen ein Ende. Sonntags waren die jugendlichen "Ausläufer" unterwegs, die in den benachbarten Orten andere Jugendliche treffen wollten und einen möglichen Heiratspartner zu finden hofften.

Anfang des 20. Jahrhunderts gingen von Münchingen aus manche Kleinbauern in die Fabriken der umliegenden und weiter entfernten Orte. Sie brachen in der Nacht auf und liefen beim Schein ihrer mitgenommenen Laternen nach Zuffenhausen in die Lederfabrik, nach Cannstatt oder nach Feuerbach zu Bosch, nach Kornwestheim zu Salamander. Ab 1906 konnte man nach Kornwestheim zu Salamander mittels einer umständlichen Zugverbindung kommen, die jedoch von den Münchingern als zu teuer empfunden wurde, so dass sie weiterhin liefen.

Der Radfahrverein "Wanderslust"

In Münchingen wurde bereits 1907 der Radfahrverein "Wanderlust" gegründet, damals hier der einzige Sportverein. Er bot seinen mehrheitlich aus Arbeitern bestehenden Mitgliedern technische Hilfe und Versicherungsschutz an und ermöglichte viele gemeinsame Ausflüge. Dem Verein war es wichtig, dass sich seine Mitglieder in der Natur von der Arbeit erholen, gemeinsame Touren veranstalten konnten und dass sie mobiler wurden. Dieser Verein stand innerhalb einer im ganzen Land weit verbreiteten, meist sozialdemokratisch getragenen Arbeiter- und Kulturbewegung und schloss sich 1924 konsequenterweise dem Sportbund "Solidarität" an. Die durch das Fahrrad gewonnene individuelle Mobilität erschien vielen Arbeiter-Radfahrern als Vorgriff auf die soziale Befreiung.

Innerhalb des Radfahrvereins nahmen die Wanderfahrten einen bedeutenden Anteil des Vereinslebens ein. Um längere Ferienfahrten zu fördern und sie den Mitgliedern auch finanziell zu ermöglichen, wurden Freiquartiere eingerichtet, in denen man kostenlos übernachten konnte.

Die Straßen

Zu den ständigen Ausgabenposten der Gemeindepflege zählten die Kosten für das Einwalzen der Ortsstraßen. Deren Befestigung erfolgte durch Aufschütten von zumeist aus den Gemeindesteinbrüchen gewonnenem Schotter, der mittels einer Dampfwalze in den Untergrund eingearbeitet wurde, was eine kontinuierliche Wässerung erforderte. Während man die Dampfwalze "mit Bedienung" bei einem Cannstatter Spezialunternehmen mietete, wurde die Wasserlieferung als öffentlicher Auftrag der Gemeinde vergeben.

In den Vertragsbedingungen hieß es 1905

  1. "Der Akkordant hat 1 Faß zu stellen
  2. Die Fahrzeit dauert von 6-12 Uhr
  3. Vesperpausen dürfen nicht eingeschaltet werden
  4. Der Akkordant hat sich den Anordnungen des Aufsichtspersonals genau zu fügen
  5. Für etwaige Unglücksfälle haftet die Gemeinde nicht."

Mit der Straßenasphaltierung wurde in Münchingen erst Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhundert begonnen.

Kosten der ersten Fahrräder und Autos

Ein Reitpferd kostete 40 Pfund und danach im Jahr mind. 30 bis 40 Pfund für den Unterhalt, mit den Ausgaben für den Stall und einen Knecht, der nach ihm schaut, leicht das Doppelte der Summe. Wenn es dreißig Jahre lebt, beläuft sich die Summe einschließlich Anschaffung leicht auf 1700 Pfund - soviel kostet ein Pferd von Anfang bis Ende. Wenn einer statt eines Pferdes für dieselbe Dauer sich ein Velocipede gehalten hätte, würden Anschaffung und Reparatur nicht mehr als 20 Pfund ausmachen. Nach dieser Zeit ist das Pferd tot, aber eine Maschine immer noch eine Maschine. (Katalog Technik und Arbeit, S. 3)

Ein "Billig-Wagen", z. B. der "Bermann-Liliput" kostete 2500,-- Mark. Der durchschnittliche Wochenlohn eines Metallfacharbeiters betrug 1910 32,45 Mark, kaum genug für den Lebensunterhalt. Luxuswagen wurden von 12 000.-bis 17 000.-Mark angeboten, kamen aber auch - je nach Ausstattung - auf 30 000.-Mark und mehr.