Johann Friedrich Flattich - Pfarrer und Pädagoge

Wegen seiner originellen Sprüche und Lebensweisheiten erhielt Johann Friedrich Flattich den Beinamen „schwäbischer Salomo“. Er wirkte von 1760 bis zu seinem Tod 1797 als evangelischer Pfarrer in Münchingen. Flattich zählt zu den bedeutenden Vertretern des schwäbischen Pietismus. Seine bekannteste Schrift, die christlichen Hausregeln, wurde später sogar in die Indische Sprache Kanaresisch übersetzt. Flattichs unkonventionelle, gewaltfreie Pädagogik war seiner Zeit weit voraus und wurde im 19. und 20. Jahrhundert als vorbildlich wiederentdeckt. Die Ausstellung im Museum illustriert das Leben und Wirken Flattichs anhand zahlreicher Schrift- und Bilddokumente.

Daten zur Biographie von Johann Friedrich Flattich (1,075 MB)

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Die Silhouette von Johann Friedrich Flattich ist das einzige zeitgenössische Porträt des Münchinger Pfarrers

Ein Dorfpfarrer mit Herz und Humor

Als Pfarrer sah Flattich seine Aufgabe nicht nur in der Verkündigung von Gottes Wort. Schon an seiner ersten Pfarrstelle in Metterzimmern setzte er sich ebenso wie später in Münchingen für eine praktische Verbesserung der Lebenssituation von Armen und Bedürftigen in seiner Gemeinde ein. Mit Tatkraft und Humor stand er den Dorfbewohnern bei ihren Alltagssorgen von Nachbarschaftsstreitigkeiten über Eheprobleme bis hin zu finanziellen Nöten bei. Viele seiner Ratschläge sind in der schwäbischen Volksüberlieferung als Anekdoten bis heute bekannt.


Pädagoge aus Leidenschaft

Als Pfarrer war Flattich für den Unterricht in der Dorfschule verantwortlich, der vom Dorfschullehrer abgehalten wurde. Daneben betrieb er in seinem Haus eine Privatschule, in der er höheren Unterricht z.B. in alten Sprachen erteilte. Die Schüler lebten teilweise in seinem Haushalt und waren von ganz unterschiedlicher Herkunft vom Bauernsohn bis hin zum Adligen. Teilweise handelte es sich auch um schwer erziehbare Kinder, bei denen Flattich mit seiner speziellen Pädagogik besondere Lernerfolge erzielen konnte. Auch Mädchen, darunter seine vier Töchter, wurden von ihm in Latein und Griechisch unterrichtet, so dass er zu den Pionieren der Mädchenbildung zählt.

Modell des Münchinger Pfarrhauses (Widdumhof) mit dem von Flattich errichteten Anbau für seine Privatschule
 

Flattich und Herzog Carl Eugen

Viele Geschichten berichten vom mutigen Auftreten des Münchinger Pfarrers gegenüber dem despotischen Landesherren Herzog Carl Eugen von Württemberg. Der Herzog weilte häufig in seinem in der Nähe von Münchingen gelegenen Lustschloss Solitude, so dass er Flattich sicherlich mehrfach persönlich begegnet ist auch wenn es keinen dokumentarischen Nachweis dafür gibt. Überliefert ist die Geschichte, dass Carl Eugen dem Pfarrer einmal sonntags beim Vorbeireiten in Münchingen begegnete. Als der Herzog, der an diesem Tag Geburtstag hatte, Flattich fragte worüber er heute gepredigt habe, antwortete dieser: „Euer Durchlaucht, was werd i predigt han … die Fürsten sollen fürstliche Gedanken haben“.


Begegnung von Flattich und Herzog Carl Eugen in Münchingen, Holzschnitt um 1870

Nichts geht über „Spätzle“! - Kostprobe einer Flattich-Anekdote

Herzog Carl Eugen soll Flattich öfters als Gast ins Schloss Solitude eingeladen haben, da er seine schlagfertigen Antworten und seinen Humor schätzte. Die anderen Gäste am Hof trugen kostbare Kleider und hatten ihre Haare wie damals üblich mit Mehlstaub weiß gepudert. Flattich hingegen kümmerte sich nicht um modische Dinge und ärgerte sich zudem über die unnötige Verschwendung von Lebensmitteln durch den Adel. So kam er in abgetragener Kleidung mit schmutzigen Strümpfen vom Fußmarsch und unfrisiert ins Schloss. Der Herzog fragte ihn erstaunt: „Weshalb hat er denn sein Haar nicht gepudert?“ Worauf Flattich in seinem schwäbischem Dialekt antwortete: „I nehm mei Mehl lieber fürd Spätzle!“.

Weitere Texte zu Johann Friedrich Flattich aus der Dauerausstellung (4,725 MB)

Das Buch über Johann Friedrich Flattichs Wirken in Münchingen "Wenig Brod für arme Leuth“ von Ewald Gaukel und Eugen Völlm (246 Seiten) kann für 12 Euro im Heimatmuseum erworben werden.